Mein einziger Beruf ist fortan nur mehr lieben

Im Zweiten Weltkrieg wurde Edith Stein in Auschwitz ermordet. Eine zum Christentum konvertierte Jüdin. Wer war diese Frau, die später heilig gesprochen wurde? Eine Spurensuche.

Autorin: Sabine Henning

Sie steht in Stein gemeißelt in der Walhalla bei Regensburg und als sechs Meter hohe Statue am Petersdom. Sie ist verewigt auf einem Stolperstein vor der imposanten Kirche in der Kölner Südstadt und zu lesen in einer 28 Bande umfassenden Werkausgabe. Edith Stein war Philosophin und Karmelitin mit jüdischen Wurzeln. Mit 30 Jahren hatte sie sich taufen lassen. Was hat sie mir, als evangelisch geprägter Autorin, heute zu sagen? 

Besuch im Kölner Karmel Maria vom Frieden der Unbeschuhten Karmelitinnen. Dem kontemplativen Orden hatte Edith Stein angehört. Priorin Mirjam Kiechle, 68, schließt die Tür zur Kirche auf. Uber einem Seitenaltar hangt ein großes Porträt von Teresia Benedicta vom Kreuz, wie Edith Stein als Nonne hieß. Unter ihrem Bild streben Gladiolen aufrecht nach oben, auf einem Tischchen davor ein Kastchen mit Erde aus Auschwitz. Bomben hatten die Kirche im Krieg zerstört, 1949 wurde sie wieder eingeweiht. In die modernen Fenster sind die hebräischen Buchstaben יהוה eingelassen für JHWH, den Eigennamen Gottes in der Hebräischen Bibel. 

So vieles kommt hier zusammen, so viele Facetten machten Edith Steins Sein aus. Und so viele Aspekte wurden nach ihrem Tod zu ihrem Bild hinzugefügt. Der Londoner Rabbiner James Baaden, der intensiv zu ihr geforscht hat, spricht vom »Phänomen≪ Edith Stein – und bezieht
Vor 80 Jahren wurde Edith Stein in Auschwitz ermordet. Eine zum Christentum konvertierte Jüdin. Wer war diese Frau, die später heiliggesprochen wurde? Eine Spurensuche von Sabine Henning
»Mein einziger Beruf ist fortan nur mehr lieben« – damit auch die Wirkungsgeschichte ein, die je nach Perspektive und Zeit beweglich und spannungsreich bleibt. 

Vom Gefühl des »Unbehagens«

Sie galt als nüchterne Denkerin und war Mystikerin, sie glaubte an Jesus Christus und ging mit ihrer Mutter in die Synagoge, sie trat für Frauenrechte ein und erörterte das Priestertum von Frauen, sie war gefragte Rednerin und Lehrende – und sah doch im Beten ihre eigentliche Aufgabe. Auf die Andachtskarte zur Ewigen Profess ließ sie ein Wort des Mystikers Johannes vom Kreuz drucken: »Mein einziger Beruf ist fortan nur mehr lieben.«

Papst Johannes Paul II. sprach sie 1987 im Kölner Fußballstadion vor Zehntausenden Menschen selig, elf Jahre später in Rom heilig. Im christlich-jüdischen Dialog wurde das als Vereinnahmung empfunden: war Edith Stein doch ermordet worden, weil sie jüdische Wurzeln hatte – und nicht für ihren christlichen Glauben. Bei einer Tagung im Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim im Juni 2012 spricht der polnische Philosoph Stanisław Krajewski vom Gefühl des »Unbehagens«, das auch mich berührt und sich schwer auflösen lässt. 

Ich schreibe eine Mail an Professor Helmut Moll, den Herausgeber des Deutschen Martyrologiums, und frage ihn nach den Kriterien für die Einordnung als Märtyrerin. Er schickt mir den Lexikonartikel zu Edith Stein und anderen konvertierten Jüdinnen. Darin werden sie als »Zeuginnen wahrer Menschlichkeit« bezeichnet: Sie »verdienen es, dass das Zeugnis ihres Lebens nicht vergessen wird. Alle kommen aus jüdischen Elternhäusern und sind in den Verheißungen Gottes an das Volk, zu dem Gott als erstes gesprochen hat, aufgewachsen. In ihrem Leben haben sie zu Christus gefunden und im Martyrium für ihn Zeugnis abgelegt«.
Das, was ich über und von Edith Stein lese, vermittelt mir nicht den Eindruck einer Frau, die sich selbst einen Heiligenschein aufgesetzt hatte. 

Keine schlechte Sache

Aktuell wird ihre Geschichte aus katholischer Perspektive weitergeschrieben. Im Jahrbuch der Edith-Stein-Gesellschaft von 2022 lese ich, dass die oberste Kurie der Teresianischen Karmeliter in Rom beschlossen hat, sie offiziell als Kandidatin für die Ernennung zur Kirchenlehrerin vorzuschlagen. Damit würde sie auf einer Ebene mit Kirchenvätern und -müttern wie Thomas von Aquin und Teresa von Avila stehen. James Baaden, dem ich das schreibe, gibt sich bei aller Achtung für die Kirche verwundert, dass ihr Werk als christliche geistliche Lehre gelten soll – wo doch ihre bedeutenden Werke vor ihrer Konversion entstanden seien. Zudem seien sie »schwer zu lesen, schwer zu deuten, schwer zu erklären. Leider!« Wenn der neue Titel mehr Menschen an ihr Werk heranführen würde, »wäre das keine schlechte Sache«, antwortet er.

In ihrer Jugend ist Edith Stein Atheistin, zum Schmerz ihrer strenggläubigen Mutter. Die Frage nach den Bedingungen für Erkenntnis führt sie nach einem glänzenden Abitur zum Philosophiestudium und zur Promotion bei dem Phänomenologen Edmund Husserl. Zielstrebig arbeitet sie auf eine universitäre Karriere hin. Doch dieser Weg ist für Frauen noch weitgehend versperrt. Der Versuch, zu einer Habilitation zugelassen zu werden, scheitert mehrfach.

Mich fasziniert die Verbindung aus scharfem Verstand und Sinn für das Unbegreifliche, die Einsicht, dass Glauben auch stilles Sitzen bedeuten kann. Priorin Mirjam Kiechle erzählt, sie habe bei ihrem Eintritt in den Kölner Karmel noch Schwestern getroffen, die Teresia Benedicta persönlich kannten. »Diese waren stolz, mit ihr gelebt zu haben. Für die anderen war sie einfach eine Mitschwester«, erinnert sie sich – eine, die nicht gut nähen konnte und von der es hieß, sie schlafe hin und wieder beim Meditieren ein. 

Gott ist die Wahrheit

»Allein Gott genügt«, hatte die Ordensreformatorin Teresa von Avila geschrieben. Die Lektüre ihrer Autobiografie hatte letztlich den Ausschlag für Edith Steins Konversion gegeben. Vielleicht haben die Erfahrungen mit einem ›göttlichen Du‹ Edith Steins aufrechte Haltung gestärkt. 1933 schreibt sie an Papst Pius XI. und fordert ihn auf, öffentlich gegen die Judenverfolgung Position zu beziehen. Sie bekommt ein formales Antwortschreiben zurück. Im selben Jahr macht sie wahr, was sie bislang aus Rücksicht auf ihre Mutter unterlassen hatte: Sie tritt in den Kölner Karmel ein. 1938 muss sie vor den Nazis fliehen, aufgenommen wird sie im niederländischen Karmel Echt. Von dort wird sie – zusammen mit ihrer Schwester Rosa und anderen Ordensleuten – nach Auschwitz deportiert, in den Tod.

Auch wenn ich die Heiligsprechung nicht wirklich nachvollziehen kann: Edith Stein bleibt dadurch im Gedächtnis. Sie steht für einen weiten und hohen, hingebungsvollen und freien Glauben, der verbinden kann, über Religionsgrenzen hinweg. In einem Brief an eine Freundin schrieb sie 1938: »Es hat mir immer sehr fern gelegen zu denken, dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde. Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.« Das spricht mich auch heute noch an. Meine Spurensuche hat gerade erst begonnen.

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 3/2022. 
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