Urlaub für drei Tage

Der 11. Juli ist der Gedenktag des heiligen Benedikt. Ulrike Berg nimmt diesen Tag zum Anlass, sich vom Gründer des Benediktinerordens für ihre Urlaubszeit inspirieren zu lassen.

Autorin: Ulrike Berg

Ich sitze an meinem Schreibtisch, mit Benedikt. Er liegt vor mir wie ein offenes Buch. »Das ist dein Tag«, sage ich. Aber ich glaube, er versteht nicht, was ich meine. Ich trommle auf die Tischkante. »Womit fangen wir an?« – »Ora et labora«, antwortet er. »Bete und arbeite!« War ja irgendwie klar ... »Okay. Ich arbeite ziemlich viel.« Hat er eben geseufzt? »Das ganze Leben des Menschen soll die Suche nach Gott sein«, sagt er. »Das geht am besten in der Stille und im Gebet.« Das ist unfair! 

Ich schiele auf die Regula Benedicti, die Regel des Benedikt, vor mir auf dem Tisch. Allein zehn Kapitel hat er dem Tagesablauf der Mönche gewidmet. »Du hast gut reden. Im Kloster geht das vielleicht.« Er zieht die linke Augenbraue hoch. »Wer Gott sucht, braucht Konzentration und Geduld«, insistiert er. Seine Selbstgefälligkeit nervt mich. Vielleicht bin ich auch ein bisschen neidisch. Und dann fällt mir etwas ein. »Mein Leben ist ja eine Suche nach Gott! Ich finde ihn sogar. Aber eben in anderen Dingen als du.« Er schweigt. Vielleicht ist ihm das zu wenig? Ich möchte keinen Streit, sage: »Es bringt ja auch nichts, wenn wir unsere LebensDer 11. Juli ist der Gedenktag des heiligen Benedikt. ulrike berg nimmt diesen Tag zum Anlass, sich vom Gründer des Benediktinerordens für ihre Urlaubszeit inspirieren zu lassen. formen gegeneinander ausspielen. Die haben ja beide ihre Berechtigung. « Er setzt sich auf und legt einen Finger ans Kinn. »Was ich brauche, ist mehr Rhythmus«, fahre ich fort. »Oft reagiere ich nur, strample gegen die Terminflut an. Das finde ich bei euch besser. Rhythmus gibt Sicherheit. Bewusst gesetzte Pausen geben mir Kraft.« Er hört aufmerksam zu. Das beflügelt mich: »Verstehst du? Ich will ja nicht ins Kloster gehen. Ich würde einfach gern ein bisschen von dir lernen.«

Er schaut mir direkt in die Augen. Ins Herz? »Das Kloster könnte ja zu mir kommen. Klostertage zuhause«, schlage ich vor. Er spitzt den Mund. Findet er das jetzt unpassend? »Gott zu suchen und sich ihm zu nähern, ist eine Übung«, sagt er. Ich nicke. Ich möchte üben. »Gib mir einen Tipp«, bitte ich. »Lege – lies!« Ich weiß, dass er die Bibel meint. »Die Seele braucht Futter«, ergänzt er. Das beruhigt mich. Ein Roman kann auch Futter für die Seele sein. »Kontemplation.« Hm, bitte nicht meditieren. Das ist nichts für mich. Aber ich kann mich auch in andere Tätigkeiten geistlich versenken. Ins Spazierengehen zum Beispiel. »Sagtest du nicht, du hättest einen Garten?«, fragt er. Stimmt. Beim Harken und Pflanzen kann ich mich auch innerlich sammeln. Ich lächle. Meine Idee gefällt mir immer besser. »Minimalistischer Lebensstil «, lautet sein nächster Vorschlag. Darauf freue ich mich schon besonders. Wenig essen. Bewusst kochen. »Das Alleinsein üben.« Dazu brauche ich Musik. Oder mein Klavier? »Gemeinschaft.« Ich könnte täglich einen Brief schreiben ... »Und Rituale sind wichtig.« Ich bin pikiert. Das weiß ich doch, traut er mir so wenig zu? Ich würde gern den Tag mit einem Gebet oder einer Körperübung beginnen. Und als Abendritual bei Kerzenschein über den zu Ende gehenden Tag nachdenken: Wofür bin ich dankbar? Was will ich loslassen? 

Drei Klostertage. In diesem Urlaub! Drei sind nicht viel. Aber sie sind ein Anfang. Eine Übung. Ich verabrede es mit mir – und mit Benedikt. An diesem 11. Juli. Ich schaue hoch. Aber er ist schon gegangen. Im Buch vor mir ist eine Seite aufgeschlagen. War das der Luftzug, als er ging? Es ist Prolog 8 der Regula Benedicti. »Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen.« 

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 2/2023. 
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